Rezension

Frédéric Beigbeder – Neununddreißig neunzig

Frédéric Beigbeder - Neununddreißig neunzig

Octavo Parango ist Kreativer in der Pariser Werbeagentur Rossery & Witchcraft, verdient mit seinen 33 Jahren 13.000 Euro im Monat, fährt die neusten Wagen und trägt die teuersten Klamotten. Und er möchte gefeuert werden. Endlich raus aus dem schmutzigen Werbegeschäft. Aus diesem Grund schreibt er dieses Buch.

»Neununddreißig neunzig« ist ein vermeintlicher Blick hinter die Kulissen der Werbeindustrie. Überbezahlte, total hippe Werber, die heute bestimmen, was die Konsumenten morgen kaufen. Der Erzähler formt eine Welt bestehend aus Sex und Drogen, Schleimerei und Verachtung. Bestückt wird die Erzählung mit Anekdoten aus der Kreativbranche: Models, die beim x-ten Dreh des Werbesports den fettarmen Yoghurts in einen dafür vorgesehen Behälter spucken und Creative Directors, die ihre gesamte Arbeit delegieren und für die guten Ideen den Löwen in Cannes abstauben.

Diktatur der Werbeindustrie

Frédéric Beigbeder zeichnet mit seinem Roman ein überspitztes, zynisches Bild der Werbebranche, präsentiert aber nicht viel Überraschendes. Eine schockierende Abrechnung eines Insiders? Eher nein. Der Erzähler kritisiert deutlich die Weltmacht Werbung, und unterstreicht seine Ausführungen dabei wirkungsvoll, indem er Zitate von Hitler und Goebbels auf die Werbewelt bezieht. Jedoch fehlt das, was den Titel »Skandal-Autor« gerechtfertigen würde.

»39,90« liest sich streckenweise wie ein Roman, dann wieder wie ein systemkritischer Aufsatz, gewürzt mit einigen Zitaten, die das Ganze irgendwie bedeutsamer erscheinen lassen sollen. Beigbeder nimmt in seinem Roman kein Blatt vor den Mund und schafft es auch auf den rund 270 Seiten ganz gut zu unterhalten. Auch wenn die Geschichte gegen Ende ein wenig abschweift. Wenn die Werbewelt nicht mehr Mittelpunkt der Erzählung, sondern Rahmen und sprachliches Mittel für die gescheiterte Liebe der Hauptfigur ist.

Insgesamt ein zynischer und unterhaltsamer Roman über die Diktatur der Werbeindustrie. Eine Kritik an der verkommenen Konsumgesellschaft, Photoshop-Retouchen, Werbe-Illusionen und Traumwelten.

Bewertung: 3 Sterne

Datum: 21. Februar 2010

3 Leserbriefe zu “Frédéric Beigbeder – Neununddreißig neunzig”

  1. Das Buch habe ich nicht gelesen, aber den zugehörigen Film fand ich doch recht gut. Mal etwas erfrischend anderes.

    Tharos am 2. April 2010 (» zitieren)
  2. Fande den Film auch gut unterhaltsam mit lustigen Einlagen. Aber 270 Seiten für knapp 10 Euro ist mal happig.

    Philipp am 8. Mai 2010 (» zitieren)
  3. Mir hat 39,90 sehr gefallen… ich weiß zwar nicht, was du mit überraschend meinst, aber ich finde, die Abrechnung mit der Werbebranche und den betreffenden Firmen doch recht krass…

    Rob Randall am 29. Januar 2011 (» zitieren)

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