Rezension
Muriel Barbery – Die Eleganz des Igels

Eine überdurchschnittlich gebildete Concierge, die niemanden wissen lassen möchte, dass sie überdurchschnittlich gebildet ist. Und ein zwölfjähriges Mädchen, das hochintelligent ist und beschlossen hat, an seinem 13. Geburtstag Selbstmord zu begehen – um nicht ein ähnlich verlogenes Leben zu führen wie seine reiche Familie und Nachbarn. Beide, die Concierge und das Mädchen, haben eines gemein: Sie wohnen im selben Pariser Stadtpalais.
Während die Kurzbeschreibung des Romans auf eine interessante Geschichte hindeutet, weiß die Handlung anfangs ein wenig zu enttäuschen. Sie findet nämlich gar nicht statt. In den ersten Kapiteln flimmern hier und da Handlungselemente auf, in erster Linie werden dem Leser jedoch die handelnden Figuren vorgestellt. Besser gesagt: Sie stellen sich selbst vor, Teenagerin und Concierge kapitelweise im Wechsel.
Concierge und Kind
Da ist zum einen die 54-jährige Concierge Renée, die sich schon lange um das Stadtpalais kümmert. Sie ist verwitwet, klein und hässlich, in Sachen Kunst und Literatur dafür sehr bewandert. Letzteres versteckt sie seit Jahren hinter ihrem Berufsbild – standgerecht.
Zum anderen ist da die zwölfjährige Paloma, eine echte Schlaumeierin, oder: hochintelligent. Auch sie versteckt ihre Begabung vor ihren reichen Verwandten, einer Schickimicki-Familie aus dem Bilderbuch – der Vater Abgeordneter, die Mutter Doktorin der Sprach‑ und Literaturwissenschaft und in psychiatrischer Behandlung und die Schwester Philosophie-Studentin. Da Paloma nicht so enden will wie der Rest der Familie, ja, gar wie alle Erwachsenen, hat sie den festen Entschluss gefasst, an ihrem 13. Geburtstag die Wohnung anzuzünden und sich umzubringen.
Frischer Wind im dritten Abschnitt
Da philosophiert im ersten Drittel des Romans also Paloma herum, zeigt, was für Weit‑ und Weltsicht sie mit ihrem jungen Alter schon hat, und Concierge Renée führt ihr Literaturwissen und ihren großen Wortschatz zur Schau. Kurzum: Beide jonglieren mit Fremdwörtern, bauen anmutige Satzgebilde. Was für den einen Leser sehr amüsant und kurzweilig sein kann, kann dem anderen mit der Zeit auf die Nerven gehen – kann.
Erlösung – und das, was den Roman wirklich lesenswert macht – kommt dann in Abschnitt drei von fünf. Frischen Wind bringt nämlich der Japaner Ozu Kakuro, der nach dem Tod eines Hausbewohners die Wohnung bezieht. Er mischt innerhalb kurzer Zeit das ganze Stadtpalais auf, mit seiner Art, mit seiner reinen Anwesenheit.
Er bringt einen Umschwung für die Concierge und für das Mädchen – und er lässt den Leser aufatmen. Eine echte Handlung setzt ein, der Roman bekommt Aufwind, das Buch wird geradezu lyrisch. Und auch die beiden Handlungsstränge bewegen sich aufeinander zu. Das alles gipfelt in einem für mich etwas überraschenden, aber gut geschriebenen und zufrieden stellenden Ende.
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Lesezirkel
Zu sagen ist noch, dass ich das Buch im Rahmen der zweiten Runde des Lesezirkels auf UARRR.org gelesen habe. Ich finde es doch ganz spannend, wenn ein Haufen Menschen zur selben Zeit das gleiche Buch liest und am Ende des Monats alle drüber schreiben. Wer neugierig geworden ist, kann ja mal vorbeischauen – vielleicht trifft das nächste Buch auch deinen Geschmack.




Eins der besten Bücher, die ich im letzten Jahr gelesen habe. Mir hat besonders die gelungene Kombination aus Humor mit Philosophietheorie und Themen der Lebenspraxis gut gefallen. Der Roman liest sich durch seine episodenhafte Form leicht und flüssig weg.
Ich glaube, wir haben das Buch ziemlich ähnlich gelesen. Könnte jeden deiner Sätze unterschreiben. :)
Hast du den Film eigentlich schon gesehen bzw. hast du es vor?
@Nina: Das ist ja witzig :-) Nein, den Film habe ich nicht gesehen, ich weiß auch gar nicht ob ich das unbedingt möchte. Ich kann mir schlecht eine gute Verfilmung vorstellen, da vieles über die Gedanken und die Sprache ging. Hast du dem Film gesehen? Wenn ja, wie fandest du ihn?
Ich bin noch nicht dazu gekommen, möchte ihn aber definitiv sehen. Den Trailer fand ich auch eigentlich ganz viel versprechend. Und ich mag französische Filme.
Ich peile nächste/übernächste Woche einen Kinobesuch an. Dann berichte natürlich auch gerne.
Liebe Grüße,
Nina
Hallo,
Vielen Dank für Deine Rezension! Ehrlich gesagt, hatte es mir der Roman bereits schon in den ersten drei Kapiteln angetan. Aber jeder hat seinen eigenen Blick auf ein Buch und keine Leseweise gleicht der anderen. Meine Rezension zur ‚Eleganz des Igels‘ gibts hier im Biblionomicon.
Viele Grüße,
Harald