Rezension

Juli Zeh – Corpus Delicti: Ein Prozess

Keine Rückenschmerzen, keine verschnieften Nasen – allen Menschen geht es gut, ist das nicht schön? Gesundheit ist vom Staat nämlich in naher Zukunft als höchstes Gut deklariert. Eine sterile, saubere Umgebung sowie regelmäßig verordnete Sportübungen tun das ihre und sorgen für das körperliche und geistige Wohl der Einwohner. Anstelle der Demokratie ist das Rechtssystem mit dem Namen »die Methode« getreten. Ein System mit Anspruch auf Unfehlbarkeit.

Doch keine utopische Zukunftsvision ohne Fehler im System. Zu diesem wird nämlich die 30-jährige Mia Holl. Eigentlich steht die junge, intelligente und Frau hinter der Methode; wer sollte schließlich besser als eine Biologin wissen, was gut für den Menschen ist? Die Vernunft verbietet ihr es schon, die Methode infrage zu stellen. Doch als ihr Bruder Moritz vom Staat wegen Mordes verurteilt wird und sich infolgedessen das Leben nimmt, gerät ihr Weltbild ins Wanken.

Verfechter und Kritikerin

Mia ist fest von der Unschuld ihres Bruders überzeugt, doch spricht die Methode dagegen. Schließlich hat ein DNA-Test Moritz Holl überführt. Und die Methode anzuzweifeln, das ist Hochverrat. In dieser Vernunft‑ und Glaubenskrise gefangen, wird Mia den Behörden auffällig: Sie vernachlässigt ihr Sportprogramm, reicht nicht ihre Schlaf‑ und Ernährungsberichte ein. Als sie sich dann noch auf die Seite ihres toten Bruders stellt und die Methode infrage, wird sie zur Staatsbedrohung, zur Methodenfeindin.

Schnell kristallisiert sich heraus, dass der Kampf zum einen auf der öffentlichen Ebene – vor Gericht – aber auch auf der persönlichen Ebene ausgetragen wird. Und zwar zwischen Mia und dem Starjournalisten Heinrich Kramer. So argumentieren die beiden rational denkenden Figuren fernab des Gerichts das Für und Wider der Methode; Mia als Systemkritikerin und Heinrich Kramer als systemtreuer Verfechter.

Kein Science-Fiction-Abklatsch

Überwachungsstaat, Gesundheitswahn, die Aufgabe persönlicher Freiheit als Tausch gegen absolute Sicherheit – Juli Zeh führt in »Corpus Delicti« einige gesellschaftliche Entwicklungen ad absurdum und begibt sich mit der Frage »Was wäre, wenn …?« auf die Spuren George Orwells. Eingepackt ist die Thematik in eine gut konstruierte Geschichte mit einem effektiven und konsequenteren Ende.

Ursprünglich hat Juli Zeh »Corpus Delicti« als Theaterstück für die RuhrTriennale geschrieben. Das können die einzelnen Kapitel nicht leugnen, die sich wie einzelne Szenen lesen lassen. Das tut dem Roman jedoch keinen Abbruch, sorgt vielmehr für Kurzweil und Fokus auf den Inhalt. »Corpus Delicti« ist kein Science-Fiction-Abklatsch, sondern durchaus gut zu lesen.

Datum: 8. November 2010

2 Leserbriefe zu “Juli Zeh – Corpus Delicti: Ein Prozess”

  1. Ich hab das Buch auch schon hier liegen, warte aber noch auf den richtigen Moment. Juli Zeh lese ich nicht einfach so nebenher, weil ihre Romane halt immer mehr sind als bloße Unterhaltung. Da will ich Zeit und Muße zum Mit‑ und Weiterdenken haben.
    Ich freu mich aber schon darauf!

    Liebe Grüße,
    Nina

    Nina am 13. November 2010 (» zitieren)
  2. Ich bin zu einer ganz ähnlichen Einschätzung des Romanes gekommen. Viele der Sätze, die die Figuren äußern sind einfach merkenswert! Allerdings würde ich sagen, dass Science Fiction und gut lesbare Literatur keine Gegensätze sein müssen… ;)

    Rob Randall am 13. August 2011 (» zitieren)

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