Rezension

Bret Easton Ellis – American Psycho

Ob seines Inhalts und der expliziten Gewaltdarstellung wurde »American Psycho« nach seiner Veröffentlichung kontrovers diskutiert. Die einen hielten es für ein Meisterstück, während sich die anderen einfach nur abgestoßen fühlten und verständnislos den Kopf schüttelten. Mittlerweile ist »American Psycho« in Buchhandlungen bei den Literaturklassikern zu finden. Seine provozierende Schlagkraft hat es jedoch nicht verloren.

Patrick Bateman heißt der Antiheld des Romans. Er ist jung, gut aussehend, intelligent und erfolgreich, hat einen gut bezahlten Job an der Wall Street. Die einzigen Fragen, die ihn und seine Freunde wirklich beschäftigen, sind, welche Kleidungsstücke sich zu welchen Anlässen kombinieren lassen, und in welchem Restaurant sie am Abend essen gehen.

Oberflächliche Beschreibungen, inhaltslose Dialoge

Batemans Leben ist jedoch nicht nur luxuriös, sondern vor allem auch eintönig und leer. Der regelmäßige Drogenkonsum auf Partys schafft nur kurzzeitig Abhilfe. Nur ein Mittel mag bei der Kompensation helfen: Gewalt. Auf brutalste Art und Weise foltert, missbraucht und tötet er Menschen.

Doch mag man erst mal gar nicht erahnen, dass sich der Roman in diese Richtung entwickelt. Konfrontiert wird der Leser zunächst mit dem Alltag der Figuren. Das erste Drittel des Romans besteht größtenteils aus zahllosen oberflächlichen Beschreibungen und Aufzählungen von Modemarken und inhaltslosen Dialogen. Da hat man für Batemans Ausspruch »I’m a fucking evil psychopath« im ersten Kapital nur ein müdes Lächeln übrig, wirkt er doch so fehl am Platz.

Wie in einem Rausch

Im zweiten Drittel beginnen dann die Schilderungen der Gewaltszenen. Auf einmal sind sie da, fügen sich problemlos in die Handlung ein. Erst mal tauchen sie vereinzelt auf, wirken dafür aber umso effektiver. Dann werden es langsam immer mehr, die Beschreibungen detaillierter, bildlicher, schrecklicher. Der Leser wird wie in einem Rausch mitgerissen.

Bret Easton Ellis kennt keine Grenzen, beschreibt froh und munter die brutalsten Foltermethoden, Vergewaltigungen, Verstümmelungen bis hin zu kannibalistischen Szenen. Ob Tier, Obdachloser, Prostituierte, Kollege oder sogar Kind – Ellis‘ Psychopath macht vor niemandem halt.

Realität oder Phantasie?

Im starken Kontrast dazu stehen immer wieder die Alltagsszenen aus Batemans Berufs‑ und Privatleben. Je bildlicher und detaillierter die Gewaltszenen jedoch werden, umso mehr zweifelt man daran, ob sie sich wirklich so zugetragen haben oder ob sie nicht nur Phantasien des erzählenden Batemans sind.

So erzählt Bateman zunehmend seinen Kollegen und Freunden von seinen Gewalttaten, doch gehen diese meist gar nicht drauf ein oder missverstehen ihn. Zudem tauchen immer mehr Fakten auf, die darauf schließen lassen, dass ein vermeintlich ermordeter Bekannter gar nicht von ihm ermordet wurde, sondern das Land verlassen hat.

Fragwürdige Gewaltorgien

Diese Zweifel, ob Bateman nun wirklich ein verrückter Massenmörder ist oder lediglich langsam seinen Verstand verliert, machen in meinen Augen den Reiz auf den letzten Seiten des Romans aus. Eine eindeutige Antwort bekommt der Leser diesbezüglich nicht – nur auf die Frage, ob Bateman dem Wahn entkommt, gibt es eine klare Antwort.

Fragwürdig ist, ob die Gewaltorgien in dieser Form hätten sein müssen (für Ellis und den Erfolg des Romans sicherlich). Ihren Zweck erfüllen sie jedoch, schaffen sie einen schrecklich intensiven Gegensatz zum Alltag mit seinen schrecklich oberflächlichen Figuren. Figuren ohne Charakter, die sich nur noch über Äußerlichkeiten definieren lassen, dauernd verwechselt und mit falschen Namen angesprochen werden.

Datum: 15. November 2010

2 Leserbriefe zu “Bret Easton Ellis – American Psycho”

  1. ja, das ist in der Tat ein schauriges Buch, und obwohl ich es gehasst habe, bin ich auch dem Sog erlegen und habe es zu Ende gelesen. Irgendwie weckt der Autor auf unheimliche Art den Voyeur in uns.
    LG

    Heike am 15. November 2010 (» zitieren)
  2. Die Verfilmung finde ich toll – bin gespannt, wie die Vorlage dazu ist, die steht nämlich schon seit längerem auf meiner Liste.

    Julia am 17. November 2010 (» zitieren)

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