Rezension

Carlos Ruiz Zafón – Das Spiel des Engels

Mit »Der Schatten des Windes« gelang Carlos Ruiz Zafón ein Weltbestseller. Es ist also klar, dass die Fortsetzung »Das Spiel des Engels« an ihrem großen Bruder gemessen wird. Gerade weil der Schauplatz erneut das düstere Barcelona des frühen 20. Jahrhunderts ist und auch einige Figuren aus »Der Schatten des Windes« wieder auftauchen. Das Problem: »Das Spiel des Engels« ist anders; mystischer und unklarer.

Zurück zum Friedhof der vergessenen Bücher, zurück zur kleinen Buchhandlung Sempere und Söhne – in »Das Spiel des Engels« taucht viel Vertrautes auf. Doch steht diesmal nicht der Sohn des Buchhändlers Sempere im Vordergrund. Zafón überlässt einem Schriftsteller die Hauptrolle des Romans.

Eine Geschichte, für die die Menschen leben und sterben würden

Der junge David Martín schlägt sich mit Groschenromanen durch das Leben, seine große Liebe scheint unerreichbar und zudem verschlechtert sich sein Gesundheitszustand zunehmend. Eines Tages begegnet er dem mysteriösen Pariser Verleger Andreas Corelli, der ihm ein Angebot macht, das er nicht ablehnen kann. Corelli schenkt ihm ein neues Leben und als Gegenleistung verlangt er nur eins: David soll für ihn ein Buch schreiben.

Sein Auftrag ist es, »(…) eine Geschichte zu schreiben, für die die Menschen leben und sterben würden, für die sie töten und den eigenen Tod in Kauf nehmen würden (…)« – er soll ein Buch schreiben, das eine neue Religion begründet. David kann der Versuchung nicht widerstehen und fängt an zu schreiben. Seine Nachforschungen über den geheimnisvollen Verleger ergeben jedoch, dass mit ihm anscheinend einiges nicht stimmt – und dass David nicht der Erste ist, der diesen Auftrag erhalten hat.

Eigene Interpretation vonnöten

Zafón führt das hohe erzählerische Niveau aus »Der Schatten des Windes« fort. Er entführt den Leser wieder in das düstere, vernebelte Barcelona, erzählt die Geschichte mitreißend. Doch tauchen in »Das Spiel des Engels« immer wieder surrealistische Szenen auf, die geradezu nach einer Erklärung schreien. Die Geschichte ist mystischer, geheimnisvoller, lässt den Leser die rund 700 Seiten verschlingen. Und lässt ihn dann alleine.

Insgeheim wartet man auf eine Auflösung der offenen Fragen – aber die bleibt aus. Vielmehr erwartet den Leser ein Epilog, der ihn mit noch mehr Fragen zurücklässt. In einem Interview sagt Carlos Ruiz Zafón, das Buch zwinge den Leser, eine eigene Interpretation zu erarbeiten. Man müsse sich auf das Spiel einlassen.

Unvollständiges Puzzle

Tatsächlich sind einige Interpretationsansätze offensichtlich, führt Zafón den Leser im Roman sogar in bestimmte Richtungen. Jedoch geht keine Interpretation ganz auf. Wie man es dreht und wendet, es bleiben immer Ungereimtheiten und Lücken. Liefere man dem Leser nur was er ohnehin erwartet, überrasche und begeistere man ihn nicht, sagt Zafón in dem Interview.

Eine raffinierte Erklärung hätte meines Erachtens aber mehr überrascht und begeistert. Jedenfalls mehr als ein unvollständiges Puzzle, bei dem man sich fragt, ob überhaupt alle Teile da sind, geschweige denn, ob sie zusammenpassen.

Rezension: Carlos Ruiz Zafón – »Der Schatten des Windes«
Link: Interview mit Carlos Ruiz Zafón auf Focus Online

Datum: 21. November 2010

6 Leserbriefe zu “Carlos Ruiz Zafón – Das Spiel des Engels”

  1. Vielen Dank für Deine Rezension!
    Ich habe ‚Das Spiel des Engels‘ im vergangenen Jahr gelesen und mein Urteil war auch etwas zwiegespalten (siehe meine Rezension im Biblionomicon). Zafon ist ein großartiger Erzähler – das hat er mit dem ‚Schatten des Windes‘ unzweifelhaft unter Beweis gestellt. Allerdings wirkt der neue Roman etwas unausgewogen und nicht wirklich ‚abgerundet‘ – etwa so, als ob ihn der Verlag unter großen Zeitdruck gestellt hätte. Trotzdem ist ‚Das Spiel des Engels‘ auf alle Fälle lesenswert.
    Viele Grüße,
    Harald

    Harald am 22. November 2010 (» zitieren)
  2. Bei mir ist es schon so lange her, dass ich das Buch (Der Schatten des Windes) eigentlich nochmal lesen müsste. Ich weiß nur, dass ich es großartig fand. Bis heute bin ich aber unentschlossen, ob ich auch Zafóns Folgewerk lesen soll. Deine Rezension hat jetzt nicht so recht geholfen, ich glaube, ich muss das jetzt endlich selbst beurteilen ;)

    Friederike am 22. November 2010 (» zitieren)
  3. @Friederike: Es lohnt sich insofern, dass Zafón auf rund 700 Seiten wieder gut unterhält und spannend erzählt. Nur ob man sich mit dem Ende zufrieden gibt, das ist die Frage ;-) Aber sicherlich ist das auch Geschmacksache – auf eine Rezension würde ich mich im Zweifel eh nicht verlassen, sondern lieber selbst ein Bild machen :-)

    Marcel am 22. November 2010 (» zitieren)
  4. Die Hürde besteht für mich nach wie vor in diesen 700 Seiten. Das fordert Zeit. Ist vielleicht also eher Ferienlektüre

    Friederike am 23. November 2010 (» zitieren)
  5. schatten des windes hat mich verzaubert, spiel des engels enttäuscht und marina, erscheint hierzulande im april 2011, neugierig gemacht!

    vielleichtsagerin am 17. Dezember 2010 (» zitieren)
  6. @Vielleichtsagerin: Da freue ich mich schon auf das nächste Buch =)

    Ich hab Das Spiel des Engels jetzt durch. Zunächst hat mich das Ende auch enttäuscht. Ich muss aber sagen, dass mich das Buch irgendwie in seinen Bann gezogen hat. Ich habe nämlich gerade wegen dem lückenhaften Ende noch ziemlich viel darüber nachgedacht. Wollte auch heute nochmal Der Schatten des Windes lesen, aber irgendwe finde ich es nicht mehr…

    Friederike am 29. Dezember 2010 (» zitieren)

Einen Leserbrief schreiben

Hinweis: Dein erster Kommentar in diesem Blog muss erst freigeschaltet werden und wird nicht sofort unter dem Artikel angezeigt. Nicht erwünscht sind werbliche Kommentare und Begriffe im Namen-Feld, die der Suchmaschinenoptimierung dienen.