Rezension

Haruki Murakami – 1Q84

Skurrile Parallelwelten, klassische Musik, Literatur, der einzelne Mensch mit seiner persönlichen Wahrnehmung und natürlich die Liebe – all das verpackt in schlichter, klarer Sprache, das ist Haruki Murakami. Und all das findet sich in »1Q84« wieder, dem wohl umfangreichsten Werk des japanischen Autors, in dem er sämtliche Register zieht.

Im Mittelpunkt des Romans stehen die beiden knapp 30 Jahre alten Figuren Aomame und Tengo. In zwei Bänden mit jeweils 24 Kapiteln lässt Murakami die beiden abwechselnd auftreten. Außer dass beide im Tokio des Jahres 1984 leben, scheint sie nichts zu verbinden. Aomame ist Fitnesstrainerin – und eine Auftragskillerin. Sie tötet Männer, die Frauen Gewalt angetan haben.

»Es gibt immer nur eine Realität.«

Tengo hingegen unterrichtet an einer Schule Mathematik und widmet sich in seiner Freizeit der Schriftstellerei. Der Verleger und Redakteur Komatsu vermittelt ihm hin und wieder Aufträge für kleinere Artikel, doch bleibt es Tengos Wunsch, einen eigenen Roman zu schreiben und zu veröffentlichen.

Bald jedoch gerät die Welt beider Figuren aus den Fugen. Bei Aomame geschieht es, als sie aus einem Taxi aussteigt, mitten auf der Brücke der Stadtautobahn, im Stau. Um noch rechtzeitig zu einem Termin zu kommen, möchte sie die Autobahn über eine Treppe verlassen. Dabei sagt der Taxifahrer noch zu ihr: »Man darf sich nicht vom äußeren Schein täuschen lassen. Es gibt immer nur eine Realität.«

»1Q84 – so werde ich die neue Welt nennen.«

Erst merkt sie nicht, dass sich mit dem Treppenabstieg einige Dinge um sie herum verändert haben. »1Q84 – so werde ich die neue Welt nennen«, entscheidet Aomame, nachdem sie dann festgestellt hat, dass das ihr vertraute 1984 nicht mehr existiert.

Tengo überarbeitet derweil im Auftrag von Komatsu einen Roman. Genauer gesagt schreibt er einen kompletten Roman um. Er fungiert als Ghostwriter für die talentierte 17-jährige Fukaeri, der ein inhaltlich unglaublich guter, phantastischer Roman gelungen ist, dem es jedoch am Stilistischen mangelt.

Big Brother und Little People

Nachdem der Roman zum Bestseller aufgestiegen ist, merkt Tengo, dass sich seine Welt verändert hat. Und stellt fest, dass sich Fukaeri ihre Geschichte anscheinend nicht ausgedacht hat, sondern ihre tatsächlichen Erlebnisse schildert.

Es ist kein Zufall, dass sich Haruki Murakami ausgerechnet das Jahr 1984 ausgesucht hat. Schließlich gibt es bereits einen bekannten Roman, der von eben diesem Jahre handelt: George Orwells Dystopie »1984«. So tauchen auch einige Bezüge zum Klassiker auf. Während bei Orwell der »Big Brother« auftritt, unterwandern bei Murakami die »Little People« das Volk. Jedoch schreibt Murakami keine Dystopie, sondern vielmehr eine alternative Version des Jahres 1984.

Ein vielschichtiger und vielfältiger Roman

Haruki Murakami erzählt »1Q84« in einer schlichten, distanzierteren Sprache, angereichert mit seinen gewohnt präzisen Bildern und Metaphern. Nur geht er diesmal tiefer, scheint mit dem Roman etwas Größeres schaffen zu wollen. Das zeigt sich vor allem im zweiten Band, wenn er beginnt, verschiedene Handlungsstränge und Schichten miteinander zu verknüpfen.

An einer Stelle nimmt sich Murakami sogar ein ganzes Kapitel, um Zusammenhänge zu erklären und etwas Klarheit in die surrealen Ereignisse zu bringen. Doch alles erläutert er nicht, dafür handelt es sich bei »1Q84« auch um einen zu vielschichtigen und vielfältigen Roman, der sein Ende erst im dritten Band findet.

Murakami pur auf mehr als 1.000 Seiten

Das Werk »1Q84« ist nämlich als Trilogie gedacht. Das in Deutschland erschienene Buch umfasst die Übersetzung der ersten beiden Bände. In Japan ist bereits der dritte Band auf dem Markt. Medienberichten zufolge denkt Murakami sogar darüber nach, noch einen vierten Band anzufügen.

»1Q84« ist Murakami pur auf mehr als 1.000 Seiten – nein, mehr als das: Es ist der bisher vielseitigste Roman des Autors, auf so vielen Ebenen und in so einem Umfang hat er den Leser bisher noch nicht angesprochen. Man kann nur gespannt sein, wie Murakami seine Komposition beendet.

Datum: 10. Januar 2011

5 Leserbriefe zu “Haruki Murakami – 1Q84”

  1. Also bekommt das Buch für dich quasi volle Punktzahl? Ich war nicht ganz so begeistert, aber einfach wegen meinen Vorerwartungen … und mir gefallen die alten Werke wie Schafsjagd und Hard-Boiled einfach besser.

    Friederike am 12. Januar 2011 (» zitieren)
  2. @Friederike: Hmm, mit den beiden würde ich es nicht unbedingt vergleichen. »Hard-boiled Wonderland« fand ich für sich genommen auch super, in »1Q84« steckt aber in meinen Augen noch etwas mehr Tiefe und Realitätsbezug drin. Die »Wilde Schafsjagd« zähle ich eher zu Murakamis schwächeren Romanen …

    Bei »1Q84« musste ich eher an »Mister Aufziehvogel« denken – jedenfalls fühlte ich mich bei Tengo öfters an Toru erinnert ;-)

    Marcel am 12. Januar 2011 (» zitieren)
  3. Aber bei Mister Aufziehvogel finde ich ganz klar, dass sich das Buch unnötig in die Länge zieht. Ich habe es gerne gelesen, aber perfekt fand ich es nicht. Ich vergleiche 1Q84 deshalb auch eher mit dem, was mir von ihm am besten gefällt, nicht was ähnlich ist.

    1Q84 ist makellos, bis auf die Wiederholungen, die aber vielleicht auch helfen, durch die Geschichte durchzusteigen. Die Geschichte ist außergewöhnlich, irgendwie schräg und noch dazu mit Bezug auf ein anderes berühmtes Buch. Trotzdem finde ich nicht alles eine Glanzleistung, zum Beispiel gerade was bestimmte Aspekte des Leaders angeht. Bei Hard-Boiled war ich einfach faszinierter, was die Konstruktion der Geschichte angeht.

    Friederike am 16. Januar 2011 (» zitieren)
  4. @Friederike: Surrealer und phantastischer war »Hard-boiled Wonderland« sicherlich, da muss ich dir zustimmen.

    Marcel am 16. Januar 2011 (» zitieren)
  5. Ach guck mal, Trilogie? Das ist spurlos an mir vorbei gegangen. Und ich meinte noch vor kurzem zu einem Kollegen, dass ich irgendwie noch nicht so richtig fertig bin mit der Geschichte, obwohl ich fertig mit dem Buch bin, aha aha :)
    Schöne Rezi!

    Steph am 9. Februar 2011 (» zitieren)

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