Rezension

Max Frisch – Homo faber. Ein Bericht.

Max Frisch - Homo faber

Von »absolutes Lesemuss« bis »langweiligste Lektüre meines Lebens« hab ich im Vorhinein die verschiedensten Meinungen zu Max Frischs »Homo faber« gelesen. Gespannt war ich dann doch, wie es sich lesen lässt, was sich der Herr Frisch gedacht hat. Bekannt ist es schließlich, wenn auch nicht jedermanns Fall.

Walter Faber stellt die Hauptperson in »Homo faber« dar: Maschinenbauingenieur, Rationalist, projiziert sein Metier auf sein Leben, seine Weltansicht. Doch muss er feststellen, dass das Leben nicht so klar strukturiert, berechenbar und technisch abläuft. Die Folge unvorhersehbarer, eigentlich unwahrscheinlicher Ereignisse beginnt damit, dass er während seines Fluges von New York nach Caracas Herbert Hencke kennenlernt, Bruder seines früheren Freundes Joachim.

Dieser Joachim heiratete Fabers Jugendliebe, die Halbjüdin Hanna, nachdem Faber sie während ihrer Schwangerschaft verließ, um einen Job in Bagdad anzunehmen. Eigentlich hatten sich Faber und Hanna auf eine Abtreibung verständigt, das einzig Sinnvolle in dieser Situation. So konnte Faber nicht wissen, dass er sich auf einer Schiffsreise nach Europa in seine Tochter Elisabeth verliebt. Die Liebesbeziehung endet in einem Unglück und dem Wiedersehen von Hanna und Walter Faber.

Konstruierter und banaler könnte diese Häufung von »Zufällen« nicht sein? Richtig. Und genau das widerspricht Fabers Weltanschauung, lässt ihn spüren, dass sein technisches Weltbild mit der Wirklichkeit nicht konform sind. Homo faber. Der Mensch, die Technik und die Natur. Schicksal und Gefühle haben für Faber erst keinen Stellenwert, doch langsam beginnt er zu merken, dass sie sein Bild ergänzen, das Puzzle vervollständigen.

Walter Faber als Homo faber, der schaffende Mensch. Im Gegensatz dazu: Die weiblichen Akteure. Seine Jugendliebe Hanna, seine Tochter Elisabeth und seine Ex-Geliebte Ivy. Zwei Welten, die aufeinandertreffen. Zwei Weltsichten, die sich ergänzen.

Langweiligste Lektüre des Lebens? Kann ich so nicht unterschreiben. Max Frisch erzählt vielleicht teilweise etwas träge, vielleicht technisch, spiegelt damit jedoch genau die Einstellung Fabers wider. Was mich beeindruckt, ist das Portrait von Walter Faber, das Frisch erstellt. Überholt? Vielleicht. Doch verliert es meines Erachtens nicht an Authentizität.


Datum: 4. Oktober 2008

8 Leserbriefe zu “Max Frisch – Homo faber. Ein Bericht.”

  1. Ich wittere einen Mac. Neid … ^^

    Lilly am 5. Oktober 2008 (» zitieren)
  2. hi Marcel,
    sehr schön, du hast es geschafft es zu lesen. ;-)
    Bei mir ist es bestimmt an die 20 Jahre her und ich weiß gar nicht, wie sich der Inhalt heute anfühlen würde, vor 20 Jahren war ich absolut begeistert von dem Buch. Gefesselt hat mich u.a. die sich anbahnende Beziehung von Vater und Tochter und wie geschickt Max Frisch den Leser durch die unterschiedlichen Erzählperspektiven in das Unvermeidliche mit hineinzieht.
    Liebe Grüße

    dolcevita am 5. Oktober 2008 (» zitieren)
  3. Das ist ein super Buch, das gelesen werden muss. Eines der wichtigsten deutsche Bücher der Nachkriegsliteratur. Grad diese Wandlung die Faber durchmacht, wird glänzend dargelegt. Habe das Buch im Deutschunterricht besprochen und analysiert. Glatte 14 Punktearbeit, hehe.

    Yannick am 24. November 2008 (» zitieren)
  4. der

    manuel utz am 26. November 2012 (» zitieren)
  5. Ich habe dieses Buch anfangs der 12. Klasse gelesen und muss ehrlich gestehen, dass ich bis zu diesem Zeitpunkt Schullektüren eher vor mich hinschiebte, anstatt sie zu lesen. Bei »Homo Faber« bin ich jedoch von einer ganz anderen Seite überrascht worden. Dieses Werk von Max Frisch fesselt einen ab einem gewissen Moment. Anfangs ist die Handlung noch ein bisschen konfus und zu sehr aneinandergekettet, daher finde ich den ersten Teil relativ langweilig, da viel zu viel Informationen in einen kurzen Abschnitt gepackt wurden. Jedoch als Faber sich in seine Tochter verliebt, wird das Buch allmählich spannender und verlangt dem Leser viel Kopfarbeit ab. Die Schilderung dieses Selbstverleugnens und seine Suche nach rationalen Erklärungen, warum er so und nicht anders gehandelt hat, sind sehr nachvollziehbar und werden durch die charakteristliche Wendung Fabers deutlich ersehbar. Viele Rückblenden, Gedankensprünge, Träume zerstückeln das Drama viel zu sehr, jedoch gleicht dies Frisch durch seinen brillianten Schreibstil, vor allem mit welchen adjektiven er die Weltanschauung Fabers beschreibt, wieder aus.
    Frischs Sprache, die all dies vermittelt, ist grandios. In ihrer schlichten Bescheidenheit ist sie dennoch enorm poetisch; sie spiegelt auf diese Weise eine tragisch-traurige Liebesgeschichte wider. Mein Fazit ist: Wer sich auf dieses Meisterwerk einlässt, wird nicht enttäuscht werden.

    Markus Utz am 26. November 2012 (» zitieren)

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