Rezension

Haruki Murakami – Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

Wenn ich etwas über den japanischen Autor Haruki Murakami gelesen habe, enthielt die Beschreibung in fast allen Fällen das Wort »verrückt« oder »abgedreht«. Genau das reizte mich, und so griff ich zu Murakamis »Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt«. Schon der Titel lässt vermuten, dass man es nicht unbedingt mit einem »normalen« Buch zu tun hat. Und das ist es auch nicht.

Zwei verschiedene Welten

Generell gibt es zwei verschiedene Welten und Handlungsstränge, die parallel erzählt werden: Der 35-jährige Ich-Erzähler lebt im »Tokyo der fernen Gegenwart«, in dem ein großer Datenkrieg herrscht. Er ist Kalkulator im »Hard-boiled Wonderland« und arbeitet für das »System«, das Daten verschlüsselt und schützt – im ewigen Kampf mit der »Fabrik«, dem großen Gegenspieler. Schnell stellt sich heraus, dass der Erzähler als Einziger das Experiment eines Hirnforschers überlebt hat und nun zwischen die beiden Fronten gerät.

In der Parallelwelt, dem »Ende der Welt« erzählt ein ähnlicher Ich-Erzähler. Nur ist das »Ende der Welt« eine Welt voller Belanglosigkeit, ohne großer Gefühle und Emotionen, bewohnt von Menschen ohne Seele. Beim Eintritt in die Stadt, die von einer unüberwindbaren Mauer umgeben ist, muss der Ich-Erzähler seinen Schatten abgeben, und damit seine Identität und Erinnerungen.

Verrückte Hirnforscher und Einhörner

Haben die beiden Geschichten anfangs wenig miteinander zu tun, so weisen sich nach und nach Parallelen auf. Die Handlungsstränge laufen aufeinander zu, ergänzen sich gegenseitig und kommen doch nicht ganz zusammen. Was hier verrückt klingt, stellt sich beim Lesen auch als abgedreht dar – wird von Murakami jedoch super beschrieben.

Kommt die Erzählung des »Endes der Welt« am Anfang etwas träge vor, so spiegelt sie doch die Atmosphäre der Parallelwelt passend wieder – im Gegensatz dazu die Geschäftigkeit des »Hard-boiled Wonderlands«.

Bei Murakamis Roman scheiden sich sicherlich die Geister – man muss den Stil mögen, offen sein für verrückte Hirnforscher, Parallelwelten und Einhörner. Ich für meinen Teil war mit »Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt« vollkommen zufrieden und hab mir direkt den nächsten Murakami zugelegt.

Datum: 24. November 2008

5 Leserbriefe zu “Haruki Murakami – Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt”

  1. Murakami ist einer meiner liebsten zeitgenössischen Autoren! Dieses Buch kenne ich noch nicht, aber das was du darüber schreibst klingt so interessant, dass es wahrscheinlich mein nächstes von ihm werden wird.
    Welches hast du dir denn zugelegt?

    Eva am 24. November 2008 (» zitieren)
  2. Ich lese im Moment »Naokos Lächeln« – mit »Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt« hab ich angefangen, weil es mir von einigen Leuten als guter Einstieg in die Murakami-Welt empfohlen wurde ;-)

    Marcel am 24. November 2008 (» zitieren)
  3. Hard-boiled Wonderland war vor vielen Jahren mein Murakami-Einstieg und damit der Beginn einer sehr großen Liebe… Es fasziniert mich immer wieder, wie die ganz normal verlaufende Geschichte auf einmal in eine surreale Parallelwelt abdriftet, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Für die Romanfiguren nie ein Grund an sich zu zweifeln, sondern stets eine neue Herausforderung.

    Nadine Eisenbrandt am 25. November 2008 (» zitieren)
  4. Mein Murakami-Einstieg began mit Kafka at the Shore und ebenso wie Du habe ich mir nach der Lektüre direkt das nächste Haruki Buch besorgt: hard-boiled wonderland. Und das hat mich direkt ziemlich umgehauen, weil es auf eine ganz andere Art und Weise »merkwürdig« war als Kafka. Es hat mir aber dennoch sehr gut gefallen.

    Mart am 26. November 2008 (» zitieren)

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