Rezension

Bernhard Schlink – Der Vorleser

Bernhard Schlink - Der Vorleser

Zufällig trifft der 15-jährige Michael Berg auf die deutlich ältere Schaffnerin Hanna Schmitz: An Gelbsucht erkrankt, übergibt er sich vor dem Hauseingang der 36-Jährigen, die sich um ihn kümmert. Zum Dank bringt er ihr nach seiner Genesung einen Blumenstrauß in die Wohnung. Dabei beobachtet er, wie Hanna sich umzieht. Als sie ihn bemerkt, flüchtet Michael, bekommt sie in den folgenden Tagen jedoch nicht mehr aus dem Kopf.

Erotische Fantasien an Hanna Schmitz verfolgen ihn in seinen Träumen – einzige Ausflucht für ihn: Frau Schmitz erneut besuchen und die Sache vergessen. Sie scheint wenig überrascht, als Michael ein weiteres Mal vor ihrer Tür wartet. Schnell entwickelt sich die Situation so, dass sich beide im Liebesakt wieder finden – der Beginn einer geheimen Liebesbeziehung.

Wiedersehen im Gerichtssaal

Michael lebt zwischen Freunden, Schule und Hanna – je mehr er sich jedoch seinen Freunden öffnet, desto mehr bekommt er das Gefühl, Hanna zu leugnen und zu verraten. Eines Tages verschwindet Hanna dann abrupt aus seinem Leben; unbekannt verzogen, die Arbeit gekündigt.

Sieben Jahre später, im Gerichtssaal sehen sich die beiden wieder. Michael studiert Jura und besucht mit einigen seiner Kommilitonen einen Kriegsverbrecher-Prozess. Angeklagt ist unter anderem Hanna Schmitz, die Aufseherin in einem Außenlager des Konzentrationslagers Auschwitz war. Ein Teil ihrer Vergangenheit, von dem Michael nichts wusste.

Klare, präzise Sprache

Michael distanziert sich innerlich von Hanna, spricht selbst von einer Betäubung. Er denkt viel nach, über die Judenvernichtung im Dritten Reich, wie mit den Tätern umgegangen werden soll und wie die nächste Generation mit dem Geschehenen umgehen sollte. Viele innerliche Konflikte, auch im Bezug zum laufenden Prozess bauen sich in ihm auf. Und ein Geheimnis um Hanna ist noch zu lüften.

»Der Vorleser« ist in drei Teile gegliedert. Der Ich-Erzähler ist der reflektierende Michael Berg, der in den 1990er-Jahren auf das Erlebte zurückblickt und festhält. Bernhard Schlink schreibt in klarer, präziser Sprache – ohne vielen Ausschmückungen und Drumherum. Deutlich scheint Schlink vor den Augen zu haben, wie er literarisch mit der Vergangenheit umgehen möchte und packt komplizierte und komplexe Gedankengänge in einfache Sätze.

Bewertung: 4 Sterne

Datum: 13. Mai 2009

5 Leserbriefe zu “Bernhard Schlink – Der Vorleser”

  1. Es macht sehr viel Spaß, dieses Buch in der gymnasialen Oberstufe zu lesen, da es die jungen Menschen in vielerelei Hinsicht herausfordert!!

    LG – Donna

    Donna am 13. Mai 2009 (» zitieren)
  2. hi Marcel,
    siehst du Michael Berg eigentlich als Missbrauchsopfer und Hanna Schmitz als Täterin? Er ist ja erst 15 als er ihr begegnet.
    LG

    dolcevita am 16. Mai 2009 (» zitieren)
  3. @dolcevita: Eine gar nicht so leichte Frage, wie ich finde… Vielleicht sollte man sich die Frage stellen, ob er sich selber als solches sehen würde. Er betont ja oft, dass er glücklich war mit Hanna. Auch zwang sie ihn nie zu Dingen, die er nicht selber wollte – Missbrauchsopfer? Missbrauchsopfer insofern, dass er die Rolle des Vorlesers einnimmt, die vorher einige Gefangene im Konzentrationslager spielten? Das wiederum hätte ja nichts mit dem Alter zu tun.

    Marcel am 16. Mai 2009 (» zitieren)
  4. Nun, zumindest hat die Begegnung sein Leben bestimmt, ihn geprägt, ihn »beziehungsunfähig« gemacht. Bei einem Rollentausch, würde man man wohl selbstverständlich von Missbrauch reden. Aber letztlich ist ausschlaggebend, dass ihn das ganze Leben die Frage beschäftigt hat, wie er sich als Mensch in dieses Ungeheuer verlieben konnte.
    Liebe Grüße
    P.S.: na ja, so richtig glücklich war er mit ihr nicht, eher abhängig…
    Ich finde übrigens, dass es fünf Sterne verdient hätte ;-)

    dolcevita am 17. Mai 2009 (» zitieren)
  5. @dolcevita: :-) Meine »Bewertungen« sind immer ziemlich subjektiv und orientieren sich an meinem Geschmack und Leseempfinden – das nehme ich mir bei meinem »persönlichen Leseblog« einfach mal heraus. So genannte »Fachleute«, die »allgemeingültige« Wertungen abgeben gibt’s ja genug ;-)

    Marcel am 17. Mai 2009 (» zitieren)

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