Rezension

Haruki Murakami – Mister Aufziehvogel

Haruki Murakami - Mister Aufziehvogel

Je länger ein Roman von Haruki Murakami ist, desto weiter holt der Autor aus, desto mehr Platz und Zeit hat er auch, um sich zu entfalten. Nicht zuletzt sind die längeren Schmöker des japanischen Autors tiefsinniger und weisen mehr Nebenhandlungen auf. Das perfekte Beispiel dafür ist „Mister Aufziehvogel“.

Toru Okada ist unzufrieden. Mit seinem Job, mit der Welt und vor allem mit sich selbst. Sein Ausbruch aus dem Alltagstrott, die Kündigung seiner Anstellung bei einer Anwaltskanzlei, stellt den Anfang einer Kette von seltsamen Ereignissen dar. Seine Selbstfindungsphase verbringt er zu Hause, während seine Frau Kumiko ihrer Arbeit in einem Verlag nachgeht.

Der Sinn des Lebens und der Tod

Als dann auch noch der Kater verschwindet, nimmt die Geschichte ihren Lauf. Kumiko bittet Toru, sich mit einer Frau zu treffen, die bei der Suche nach dem Tier helfen soll. Doch schon wenige Tage später verschwindet auch Kumiko ohne einen Hinweis zu hinterlassen.

An ihre Stelle treten viele wundersame Gestalten in Torus Leben, zumeist Frauen. Unter anderem die 16-jährige May Kasahara aus der Nachbarschaft: Nach einem Motorradunfall, bei dem ihr Freund gestorben ist, geht sie ohne das Wissen ihrer Eltern nicht mehr zur Schule. In ihrer freien Zeit erstellt sie hin und wieder Erhebungen für eine Perückenfirma – oder sie sinniert über den Sinn des Lebens und den Tod.

Spirituell angehaucht

Die beiden Schwestern Malta und Kreta Kano bringen das Mystische in die Geschichte. Malta Kano als das Medium, das den verschwunden Kater finden sollte. Und ihre Schwester Kreta, die nicht weniger spirituell angehaucht ist – und eine besondere Verbindung zu Kumikos älteren Bruder Noboru Wataya aufweist. Auf der Suche nach Kumiko stellt sich schnell heraus, dass der einflussreiche Bruder und Politiker Dreh‑ und Angelpunkt ist – der Gegenspieler Toru Okadas sozusagen und Antwort auf seine Fragen.

Ein weiterer Bestandteil des Romans ist die japanische Kriegsgeschichte. Diese greift Murakami in einer Nebenhandlung auf, die im Wesentlichen aus Erzählungen des Leutnants Mamiya besteht, den Toru kennenlernt.

Vogel als Motiv

Verknüpfendes Bild ist der „Aufziehvogel“, dessen Ruf wie das Aufziehen einer Feder klingt. Er taucht in allen Handlungen des Romans auf, ist ein durchgängiges Motiv in der Geschichte.

Was anfangs stört, ist die Naivität in den Handlungen und Denkweisen Toru Okadas. Glücklicherweise ändert sich das im Lauf des Romans, reift die Figur auf den Seiten heran. So kann die Distanz zur Hauptfigur überwunden werden und eine Beziehung aufgebaut werden. Sei es nun ob der skurrilen Ereignisse der Geschichte oder der Entwicklung Torus.

Ein langsamer Murakami

Haruki Murakamis legt in „Mister Aufziehvogel“ verschiedene Schwerpunkte, und führt seine Ideen konsequent weiter. Das mag der Grund sein, der eingefleischte Murakami-Fans den Roman lieben lassen lässt. Und der Grund, warum Neulinge das Buch womöglich kopfschüttelnd weglegen. Es mag zu surreal sein, keine reine Gratwanderung mehr. Dann können die in kurzen Intervallen aufblitzenden Gewaltdarstellungen einen faden Nachgeschmack hinterlassen.

Nicht zuletzt der Punkt, dass es sich bei „Mister Aufziehvogel“ um einen sehr langsamen Roman des japanischen Autors handelt. Langsam in dem Sinne, dass er sich Zeit lässt, die Haupthandlung voranzutreiben; sich mehr auf die bildhafte und atmosphärische Darstellung konzentriert. Was jedoch gerade der Endphase des Romans zugute kommt.

Zusammenfassend sei gesagt, dass ich „Mister Aufziehvogel“ nicht als Einsteiger-Roman in die surrealistischen Gedankengänge Haruki Murakamis empfehlen würde. Dafür umso mehr denen, die schon Erfahrungen mit Romanen des Autors gemacht haben – denn die knapp 800 Seiten zu lesen lohnt sich allemal.

Bewertung: 5 Sterne

Datum: 21. September 2009

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