Rezension

Juli Zeh – Schilf

Juli Zeh - Schilf

Nicht ohne Grund steht auf dem Cover »Roman« und nicht »Krimi«. Auch wenn der Klappentext eher auf letzteres schließen lässt: Der hochbegabte Physiker Sebastian lebt glücklich und zufrieden mit seiner Frau und seinem Sohn in Freiburg. Bis sein Sohn entführt wird. Um ihn zurückzubekommen, muss Sebastian erst einen Mord begehen. Was nach spannendem Thriller klingt, entpuppt sich als eine Mischung aus Liebesroman, Krimi und Physik-Essay.

Mit einer fast schon übertrieben idyllischen, bildlichen Sprache beginnt Juli Zehs Roman »Schilf«. Langsam aber sicher wird der Leser an den Ort des Geschehens, Freiburg, herangeführt – besser gesagt: aus der Vogelperspektive heran geflogen. Was folgt ist die Beschreibung des ebenso idyllischen Familienalltags von Sebastian, seiner Frau Maike und seinem Sohn Liam. Oskar, einem alten Studienfreund Sebastians, rundet das Bild ab – und leitet sogleich den ersten Konflikt im Roman ein.

Ein schräger Kommissar

Oskar und Sebastian – beide talentierte Physiker – beschäftigen sich mit dem Wesen der Zeit. Und vertreten dabei von Grund auf verschiedene Ansichten. Ein Artikel Sebastians über die so genannte »Viele-Welten-Theorie« gibt Anlass zum Disput zwischen den beiden Naturwissenschaftlern.

Mit der Entführung Liams und der Forderung des Entführers an Sebastian, einen Mord zu begehen, beginnt der zweite Konflikt. Zugleich erscheint der schräge Kommissar Schilf auf der Bildfläche, ein alter Haudegen, der extra aus Stuttgart nach Freiburg geordert wird. Allerdings ist ein Mordfall in Freiburg zur Zeit das Letzte, was den Kommissar interessiert. Auch wenn er weiß, dass dies sein letzter Fall sein wird. Vielmehr ist er mit sich selbst beschäftigt, bedingt durch sein Alter und einer ärztlichen Diagnose.

Sprachgewalt, aber fehlende Authentizität

So herrlich plastisch und interessant wie die Figuren in Juli Zehs Roman auch präsentiert werden, so herrlich wenig Authentizität bringen sie mit sich. Sympathisch sind sie, doch wirken nicht nur sie, sondern direkt die ganze Geschichte von vorne bis hinten konstruiert. Nicht schlecht konstruiert, nein, der Roman mag ziemlich gut durchdacht sein. Ein Zahnrad fügt sich wunderbar ins nächste ein, doch bleibt dabei die Glaubwürdigkeit auf der Strecke.

Diese Künstlichkeit der Geschichte und der Figuren drängt sich dem Leser zwar auf, stört jedoch beim weiteren Lesen des Romans kaum. hat man sich erst einmal an die Umstände gewöhnt und diese akzeptiert, liest man einen wunderbaren Roman. Findet man sich damit ab, dass Sebastians Gesprächsteile über die Physik sich wie ausgeklügelte Essays lesen, und anscheinend jeder Satz einer Figur durchdacht ist und bedeutend klingt, freundet man sich mit der nach Perfektion eifernden Geschichte an.

Erfreuen kann man sich auch an der Sprachgewalt Juli Zehs. Zu Beginn des Romans bemerkt der Leser, dass Natur und Gegenstände einen größeren Handlungsanteil als die handelnden Figuren haben. Einige Bilder, wie die des Vogels, ziehen sich durch den kompletten Roman – was dem Leser das Gefühl vermitteln mag, dass alles stimmt. Zudem spiegelt sich die diskutierte Physik-Theorie auch noch in den Figuren wider. Insgesamt ein sprachlich durchaus schöner Roman mit durchdachter Figurenkonstellation und Plot.

Datum: 19. November 2009

Ein Leserbrief zu “Juli Zeh – Schilf”

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